Lauter Obstbäume und viele Kinder

Lauter Obstbäume und viele Kinder

Bild oben: Die Lehrerin Erika Frank geb. Schmidt zusammen mit ihrer 4. Klasse, die damals 64 Schüler umfasste. Die Aufnahme entstand um 1951 auf dem Schulhof der Bergschule Geltow, der ehemaligen Villa Schlieper. Foto: Archiv Uhlemann

Nachdem bereits im Herbst 1945 der Schulbetrieb in Wildpark-West in einer 
Baracke auf dem Schulweg wieder aufgenommen worden war, wurden am 
1. September 1946 die Kinder eingeschult, die zu diesem Zeitpunkt 6 Jahre alt waren
.

Mein Spielkamerad und Nachbarjunge Wolfram war im Februar bereits 6 Jahre alt geworden und durfte deshalb zur Schule gehen. Ich, die ihn gerne begleiten wollte, war aber noch zu jung, da ich erst im Dezember 6 Jahre alt wurde. Meine Mutter packte mir trotzdem eine Stullentasche und ich ging mit Wolfram zur Schule. So ging das Tag für Tag. Jeden Morgen liefen wir über den Marktplatz die enge Straße entlang.
Ein kleines Holzhaus
Die junge Lehrerin, Frl. Lachenwitz, 1942, im Garten Amselweg 13. Foto: Archiv von Klinski-Wetzel
Die junge Lehrerin, Frl. Lachenwitz, 1942, im Garten Amselweg 13. Foto: Archiv von Klinski-Wetzel
Die Lehrerin, Frau Hellbach, nahm mich auf und ich folgte aufmerksam dem Unterricht. Frau Hellbach war nett und sehr freundlich. Zu Schulbeginn bekam ich auch eine kleine Schultüte, die bis oben hin mit Pflaumen gefüllt war.
Am Möhrenfeld machten wir Halt und zogen uns einen Mittagsimbiss
Im Dezember 1946, nachdem ich meinen 6. Geburtstag gefeiert hatte, kam die Bestätigung vom Schulamt, dass ich weiterhin die Klasse besuchen durfte. Das Schulhaus war eigentlich nur ein kleines Holzhaus mit zwei Räumen an der Havelpromenade/Am Anger, ganz in der Nähe des Havelufers gelegen. Im folgenden Schuljahr muss es einem Brand zum Opfer gefallen sein.
Buswendeschleife am Marktplatz, Sommer 1960. Foto: Marianna von Klinski-Wetzel
Buswendeschleife am Marktplatz, Sommer 1960. Foto: Marianna von Klinski-Wetzel
Die Kinder aus Wildpark-West mussten fortan die Schule in Geltow besuchen. Der Schulbesuch erfolgte in der Regel zu Fuß, gelegentlich auch mit einem Pferdewagen. Der Pferdewagen kam vom nahegelegenen Hof Gallin, wo der Kutscher seine Milchkannen holte. Am Nachmittag liefen wir oft in kleinen Gruppen über die Geltower Felder und Wiesen nach Hause. Damals wurde noch intensiv Landwirtschaft betrieben. Die Felder waren voller Blumen, Gemüse, Kohl und Radieschen. Auch standen da lauter Obstbäume. Am Möhrenfeld machten wir Halt und zogen uns einen Mittagsimbiss.
Ein Schulbus nur für Kinder
Einige von uns hatten bald ein Fahrrad und so fuhren wir gemeinsam mit den Rädern zur Schule. Irgendwann wurde ein Schulbus eingesetzt. Nur für die Kinder. Früh fuhr er uns hinüber und zum Mittag wieder zurück. Die größeren Kinder halfen den kleinen beim Einsteigen. Im Winter sind wir manchmal über das Eis zur Schule gelaufen.
Das reetgedeckte Holzhaus unter den alten knorrigen Kiefern zählt mit zu den prägenden Häusern der Waldgemeinde. Es wurde in den dreißiger Jahren er- und in den fünfziger Jahren in seiner heutigen Form ausgebaut. Von Nummer 30–46 bestand die Straße Am Ufer damals aus reetgedeckten Häusern. Foto: Carsten Sicora
Das reetgedeckte Holzhaus unter den alten knorrigen Kiefern zählt mit zu den prägenden Häusern der Waldgemeinde. Es wurde in den dreißiger Jahren er- und in den fünfziger Jahren in seiner heutigen Form ausgebaut. Von Nummer 30–46 bestand die Straße Am Ufer damals aus reetgedeckten Häusern. Foto: Carsten Sicora
Damals waren die Wiesen an der Havel noch oft überschwemmt und gefroren. Teilweise hatten wir Klammerschlittschuhe, eine Konstruktion, die an den Schuhen befestigt wurde. Wir nannten sie „Hackenreißer“. Weil beim schnellen Laufen die Krallen der Schlittschuhe die Hacken von den Schuhen abrissen. Der Schulleiter hatte Bezugsscheine für Schuhe, die besonders bedürftigen Kindern zugeteilt wurden. Das Laufen übers Eis dauerte natürlich viel länger und wir hatten manchmal nasse Füße oder Hosen, wenn wir eingebrochen waren. So eine einfache Strecke konnte ein bis zwei Stunden dauern. Es war nie langweilig und immer etwas abenteuerlich. Der Unterricht verlief abwechslungsreich, interessant und lehrreich.
Der Schulleiter hatte Bezugsscheine für Schuhe,  die besonders bedürftigen Kindern zugeteilt wurden
So ging es bis zur 8. Klasse in Geltow, danach besuchten einige von uns, auch ich, die Oberschule in Potsdam. Durch meine „verfrühte“ Einschulung war ich bis zum Abitur immer die Jüngste in der Klasse! Die Klassen der Geltower Schule bestanden damals noch aus bis zu 40 Schülern. Die Kinder waren bei weitem nicht so selbstbewusst wie heute, eher brav.
Evelyn Uhlemann
Evelyn Uhlemann

Autorin Evelyn Uhlemann, geborene Oelschläger, Jahrgang 1940, Medizinisch-Technische Assistentin, lebt seit ihrer Kindheit im Haus der Eltern in Wildpark-West.

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