Das Vorwerk Gallin, das heutige Wildpark-West, 
war über vier Alleen mit prächtigem Baumbestand erreichbar. 
Wir stellen sie vor.

TEIL EINS:
Kastanienallee (Amselweg)

Der Entstehungsgeschichte der Kastanienallee im heutigen Gemeindeteil Wildpark-West soll in diesem Beitrag nachgegangen werden. Dazu ist es sicher interessant, aus der Entwicklung der Siedlung Wildpark-West bzw. aus der Geschichte des Gallin einige Informationen voranzustellen.

Amselweg 1960, Blick vom Marktplatz. Foto: M.v.Klinski-Wetzel
Amselweg 1960, Blick vom Marktplatz. Foto: M.v.Klinski-Wetzel

Die Landschaft um das vormalige Vorwerk Gallin wurde seit dem Jahr 1686 durch die hier angesiedelten Schweizer Kolonisten landwirtschaftlich nutzbar gemacht. Es waren ursprünglich drei Bauernhäuser für sie errichtet worden, die man als „Vorwerk Gallin“ bezeichnete. Diesen Dreiseithof erreichte man zu damaliger Zeit über einen Weg aus Richtung Golm, den der König später als „Königspromenade“ („Waidmannspromenade“) mit vier Reihen Eichen als Allee ausgestalten ließ. Außerdem führte ein Weg, der später als Eichenallee bepflanzt wurde, in Richtung Bornstedt und zum Kleinen Entenfang See.

In diesen Kastanien liegt offensichtlich schon vor dem Ende des 19. Jahrhunderts die Ursprungsidee, eine reine Allee mit Kastanien in Richtung Havel folgen zu lassen

1711

Im Jahr 1711 kam auf der bis dahin offenen Ostseite der Vorwerksanlage ein sogenanntes Garten- oder Hirtenhaus hinzu, so daß man von einem Vierseithof sprechen kann. In der Zeit von 1686 bis zum Jahr 1864 diente der Gallin zahlreichen Pächtern als Ackerland für Gemüse, Getreide, für Obstanbau und Weinbau. Auch als Weide für Vieh und als Wiese für das Winterfutter wurde die Landschaft des Gallin genutzt.

1877

Das Königshaus der Hohenzollern erwarb im Jahr 1864 den Gallin als Privatbesitz und überließ diesen ‚Königl. Gutsbezirk Gallin‘ bis zum Jahr 1877 einem Pächter. Nachdem das Kronprinzenpaar Friedrich III. (*1831, †1888) und seine englische Gemahlin Victoria (*1840, †1901) ab dem Jahr 1867 das Krongut Bornstedt landwirtschaftlich nutzte und sie feststellen mußten, daß sie zu wenig Flächen für ihre Anbaupläne hatten, erhielten sie ab dem Jahr 1877 den Gallin hinzu, der nun als Teil des ‚Krongutes Bornstädt-Gallin‘ bezeichnet wurde.

Ein Plan für Gallin

Der Hofgärtner Hermann Sello (*1800 in Caputh, †1876 in Potsdam), Sproß aus der preußischen Hofgärtner-Dynastie Sello, wurde bereits im Jahr 1872 vom königlichen Hof damit beauftragt, einen Plan zu entwerfen, wie der Gallin für den Anbau von Obst und Gemüse im Sinne eines „Regelmäßigen Gutsgartens“ vom Kronprinzenpaar bewirtschaftet werden könnte. Das Projekt ‚Gutsgarten‘ wurde jedoch nicht ausgeführt. Statt dessen sollte das Gebiet um den Gallin dann als Erweiterung des ‚Jagdgebietes Wildpark‘ bis zur Havel ausgestaltet werden. Über die Hintergründe dieser Umwidmung kann nur spekuliert werden.

1879

Das Anlegen kleiner Seen mit Hilfe von Kanälen, die die Trockenlegung weiterer Gebiete auf dem Gallin erforderlich machen würde, wurde wohl als zu langwierig und zeitraubend angesehen. Zudem konnte das Königshaus im Jahr 1879 nördlich des Entenfangs und nördlich der Eisenbahnlinie Potsdam-Magdeburg etliche Morgen hinzukaufen. Somit eröffnete sich eher die Möglichkeit, das größer gewordene Gelände dem ‚Jagdgebiet Wildpark‘ anzuschließen, das nun bis zum Ufer der Havel mit vormaligem Vorwerk Gallin reichen würde. Politische Affären und Todesfälle in der Königsfamilie bedrückten das Kronprinzenpaar in diesen Jahren. Sie ließen ihre Pläne für den Gallin fallen. In den folgenden Jahren bis zum Jahr 1910 gab es kaum noch Nachrichten über den königlichen Privatbesitz Gallin, der mit Hilfe von Sperren und Schildern auf den Wegen jedem Fremden das Betreten des Privatwaldes untersagte. Nur die weiteren Zukäufe von Gelände in den Jahren 1890 und 1904 konnten notiert werden, so daß man feststellen kann, daß der Gallin bis zum Jahr 1905 von 327 auf 664 Morgen angewachsen war.

1885

Der neu entstehende Kiefernwald, etwa ab dem Jahr 1885, sollte offensichtlich mit Hilfe von Alleen und verschiedenen Laubbaumarealen parkähnlich gestaltet werden. Im Besonderen wurde das Augenmerk auf die Verbindung vom Bornstedter Gut zum Entenfang-Etablissement und von dort aus auf zwei landschaftlich attraktiv ausgestaltete Alleen zum Ufer an der Havel gelegt. Diese Wege bzw. Alleen benutzten noch bis zum Jahr 1934 die Jagdgesellschaften des vormaligen Königshauses, als der Forstaufseher und Waldbeläufer Georg Palecki mit seiner Familie im vormaligen Vorwerk Gallin wohnte. Palecki hinterließ zahlreiche schöne Fotos aus den Jahren 1931 und 1933 von den Wegen und dem Wald der ab 1933 entstehenden Villensiedlung Wildpark-West.

Wo und wann konnte nun der Entstehungszeitpunkt für eine Kastanienallee gefunden werden? In der „Gutsgartenzeichnung“ von Hermann Sello aus dem Jahr 1872 ist bereits die erste Andeutung eines, mit Bäumen bepflanzten Weges vom Kienwerder (auch Kienhorst genannt, nördlich des Kleinen Entenfang Sees gelegen) in Richtung Havel zu entdecken. Als Luftlinie verlängert weist diese Wegrichtung hin zum Vorwerk Gallin an der Havel. Die in der Zeichnung geplanten Baumpflanzungen haben wohl auch tatsächlich ab dem Jahr 1885 stattgefunden. Wenn man die Bäume des Amselweges nach der Kreuzung Amselweg/Schulweg/Hirschweg in Richtung Wildpark aufmerksam betrachtet, sind zahlreiche Baumriesen zu finden, mehrere beachtlich hohe Kastanien neben riesigen Eichen. In diesen Kastanien liegt offensichtlich schon vor dem Ende des 19. Jahrhunderts die Ursprungsidee, eine mehr oder weniger reine Allee mit Kastanien in Richtung Havel folgen zu lassen.

Schon ab 1876 gelangte man vom Entenfängerhaus durch eine mit Eichen bestandene Allee zum Kleinen Entenfang See und weiter durch eine ebenfalls mit Eichen bestandene Allee zum Kienwerder (Kienhorst), auf dem ein mit Eichen bestandener Wegestern angelegt worden war. Einige wenige Rieseneichen sind dort am Wegestern noch zu bewundern.

Der neu entstehende Kiefernwald, etwa ab dem Jahr 1885, sollte offensichtlich mit Hilfe von Alleen und verschiedenen Laubbaumarealen parkähnlich gestaltet werden

1947

Die Kastanienallee, die ab 1947 den Namen ‚Amselweg‘ trägt, sollte dann die kürzeste Verbindung zwischen dem Wegestern auf dem Kienwerder und dem Vorwerk Gallin werden. Der Zeitpunkt der Bepflanzung des restlichen Weges zur Havel mit Kastanien bis zum vormaligen Vorwerk Gallin fand jedoch erst etwa im Jahr 1916 statt.

Mehr als 100 Jahre alt

Es wurde bereits um 1905 der ‚Weg von Bornstädt nach dem Vorwerk‘ zwischen dem Entenfänger-Etablissement und dem Vorwerk Gallin mit Eichen als Allee bepflanzt.

Auf der seit dem Jahr 1903 zweimal ergänzten Karte zum Gallin finden sich also zwei Alleen, die vom Wildpark bis zur Havel führen – die ältere vom Entenfängerhaus bis zum Gallin und die jüngere vom Kienwerder bzw. Wegestern (älteren Wildparkern auch als Fliederweg bekannt) bis zum Gallin an der Havel.

Die Kastanien sind mit mehr als 100 Jahren heute teilweise in keinem guten Zustand. Um den charakteristischen Anblick einer schönen historischen Allee zu erhalten, sind inzwischen viele Bürger unserer Waldsiedlung Wildpark-West bemüht.

Die Kastanienallee (der heutige Amselweg) verläuft vom Marktplatz beginnend von südwestlicher in nordöstlicher Richtung und endet am Ortsausgang am Wassergraben. Die Allee ist 0,5 Kilometer lang und hat insgesamt 89 Bäume. Davon im vorderen Teil 42 über 100jährige Kastanien. 24 junge Kastanien befinden sich vorwiegend im hinteren Teil der Allee. 13 sehr alte Eichen und eine junge Eiche stehen zudem hinter dem Wegkreuz An der Kirche/Schulweg/Hirschweg. Drei alte Buchen, davon eine zweistämmige und eine dreistämmige sowie zwei junge Buchen, eine Traubenkirsche, zwei Birken eng aneinander stehend sowie zwei Ulmen komplettieren den Bestand. Vor dem Wegkreuz haben Einwohner in den Jahren 2010–2018 junge Kastanien nachgesetzt, auch die Gemeinde Schwielowsee ließ in diesem Bereich im Mai 2018 vier junge Bäume setzen.

Marianna von Klinski-Wetzel
Marianna von Klinski-Wetzel

Autorin Marianna von Klinski-Wetzel wurde 1939 geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend bis 1957 in Wildpark-West. Nach der Grundschule in Geltow und der Oberschule in Potsdam, Abitur und Studium in Berlin-Charlottenburg. War als Lehrerin für Kunst und Werken tätig. Seit 2002 wieder in Wildpark-West zu Hause. Sie ist verheiratet mit Prof. Peter Wetzel, das Ehepaar hat drei Kinder.

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