Ein Weg aus rötlichen hart gebrannten Klinkern, der wie eine Linie zu einer immer größer werdenden Lichtung führt. 150 Meter entlang an Ehrenhainen zum Ort der Stille – zum Wald der Erinnerung

Manches lässt einen nachdenklich zurück

Nur ab und an dringen Geräusche der nahen Straße unweit der Waldsiedlung durch das dichte Grün am Wegesrand.

Ort der Stille. Foto: Carsten Sicora
Ort der Stille. Foto: Carsten Sicora

Die Hitze der letzten Wochen flimmert noch immer über dem Weg, der sich am alten Offiziersheim entlang nach oben zieht. Eine Fichte, mit über dreißig Metern ungewöhnlich hoch, hält einsam Wacht. Das Holz der drei mächtigen Eichen, einst stolze Wahrzeichen der neugebauten Fliegerschule und vom letzten Herbststurm mit unbändig wütender Wucht niedergestreckt, ist längst beräumt. Auch alte, unverwüstlich scheinende Bäume sind vergänglich. Ich halte kurz inne und schaue hinüber zum Feld. Niemand ist unsterblich. Ich befinde mich an einem Ort voller Geschichte. Noch nicht so alt scheinend, um sie aufzuschreiben, doch alt genug um zu vergessen. Die blank gewichsten Schnürstiefel neben mir passieren die Stelle, an der man beim Bau der Kaserne am 12. März 1937 einen mittelalterlichen Skelettfund vermeldete.

Auch heute muss wieder eines der alten Gebäude Platz für Neues machen. Leben heißt auch Veränderung. Wurden damals gar Reste einer mittelalterlichen Siedlung gefunden? Ein Ort ritueller Bestattung? Ausschließen lässt es sich nicht, zumal im Zuge weiterer Bautätigkeiten 1941 hier ein ganzes Brandgräberfeld ausgegraben wurde*. Wir wenden uns in einem Bogen nach Südost, immer bergan. Die Abendsonne hat ein wenig ihrer Kraft eingebüßt und scheint durch die Wipfel der alten Bäume. Lange Schatten stehen über uns.

Seelischen Schmerz kann man  kaum greifen und einen Vater und  geliebten Partner nicht ersetzen

Die Namen der getöteten Soldaten sind in erhabenen bronzenen Buchstabentafeln verewigt. Foto: Carsten Sicora
Die Namen der getöteten Soldaten sind in erhabenen bronzenen Buchstabentafeln verewigt. Foto: Carsten Sicora

Die Luft ist heiß, es riecht nach Kiefernwald. Wir erreichen den Eingangsbereich der Erinnerungsstätte. Ein Gang mit beidseitig angebrachten Lichttafeln, die der Information dienen und die das Einsatzgebiet verzeichnen, in welchem die Soldaten, legitimiert durch den Deutschen Bundestag, deutsche Interessen in der Ferne verteidigten. Junge Männer, aber auch erfahrene Offiziere, von denen sich für einen kurzen, aber alles entscheidenden Augenblick das Lebensglück abwendete. Lebensglück, das damit auch ihren Familien entrissen wurde. Kinder, die nun ohne ihre Väter groß werden müssen. Die Truppe kümmert sich um ihre Absicherung, das war nicht immer so. Seelischen Schmerz kann man kaum greifen und einen Vater und geliebten Partner nicht ersetzen. Hier nicht und da nicht. Wie viele Kinder auf der Welt wohl ohne ihren Vater groß werden müssen?

Ist Zweifel am militärischen Sinn nur im Angesicht des Verlustes und des Schmerzes erlaubt?

Sieben Stelen, sieben Orte
Informationstafel im Eingangsbereich, im Hintergrund Stelen Prizren und Rajlovac. Foto: Carsten Sicora
Informationstafel im Eingangsbereich, im Hintergrund Stelen Prizren und Rajlovac. Foto: Carsten Sicora

Der Weg besteht nun aus rötlichen hart gebrannten Klinkern, der wie eine Linie zu einer immer größer werdenden Lichtung führt. 150 Meter entlang an Ehrenhainen zum Ort der Stille. Ehrenhaine, die ursprünglich am Einsatzort aufgebaut waren, wurden in mühevoller Arbeit und mit nicht unerheblichem Aufwand detailgetreu wiederhergestellt.

Gedenkstein Feyzabad, Afghanistan. Foto: Carsten Sicora
Gedenkstein Feyzabad, Afghanistan. Foto: Carsten Sicora

Prizren, Rajlovac, Mazar-e Sharif, Kunduz, Kabul, OP-North, Feyzabad, Kosovo, Bosnien- Herzegowina, Afghanistan. An den sieben Stelen, eine jede steht für den Ort des Einsatzes, sind die Namen der getöteten Soldaten in erhabenen bronzenen Buchstabentafeln verewigt, dazu Geburts- und Sterbejahr. Ab und an haben Kameraden aus der gleichen Einheit neben den Tafeln einen letzten Gruß in Form eines Abzeichens oder einer Plakette angebracht. Gemeinsam Erlebtes schweißt zusammen. Der Ehrenhain des OP-North in Afghanistan z.B. wurde detailgetreu auf einer kleinen Anhöhe wieder aufgebaut, die einen Blick über die gesamte Anlage gestattet. Auch 5.000 Kilometer fern der Heimat befand er sich auf einem zentralen Hügel auf der mittleren Ebene des Lagers. An einigen Bäumen sind Gedanken von Familienangehörigen auf einem Schild vermerkt; manches lässt einen nachdenklich zurück. Ist Zweifel am militärischen Sinn nur im Angesicht des Verlustes und des Schmerzes erlaubt? Die ursprüngliche Idee einen Erinnerungswald anzulegen, hatte die Mutter einer während einer Übung in der Nordsee ertrunkenen Offiziersanwärterin. Auch Unfälle gehören zum Soldatenalltag. Am Ort der Stille bildet ein mächtiges bronzefarbenes Eisernes Kreuz den finalen Schlusspunkt. Bänke laden zum Gebet oder zur Andacht ein, die letzten Sonnenstrahlen brechen sich im Licht von Glas. Es sind viele, derer hier gedacht werden soll. Zu viel.

In den Auslandseinsätzen der Bundeswehr sind bisher mehr als einhundert Soldaten und eine Soldatin ums Leben gekommen. In den Einsätzen auf dem Balkan und in Afghanistan sind im Gedenken an ihre Kameraden Ehrenhaine vor Ort entstanden. Die im Wald der Erinnerung zurückgeführten Ehrenhaine ermöglichen es den Hinterbliebenen, ihrer Angehörigen, Freunde oder Kameraden zu gedenken. Im November 2014 wurde die 4.500 Quadratmeter große Gedenkstätte eingeweiht. Sie ist eingebettet in den gewachsenen Baumbestand der Henning-von-Tresckow-Kaserne vor den Toren von Wildpark-West.
Nach Anmeldung kann im Paßaustauschverfahren die Gedenkstätte besucht werden.

Besucher- und Betreuungsorganisation „Wald der Erinnerung“
Henning-von-Tresckow-Kaserne
14548 Schwielowsee
Werderscher Damm 21–29
Telefon: 03327 50 38 73

Carsten Sicora
Carsten Sicora

Autor Carsten Sicora, geboren 1967 in Dresden, verheiratet, lebt seit 1989 in Wildpark-West

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