Vor 92 Jahren entstand der Werftbetrieb auf dem Gallin, dem heutigen 
Wildpark-West. Die Bootswerft Görrissen besteht länger als die Siedlung selber.

Bootswerft mit Tradition

Mit gerade einmal 21 Jahren gründete mein Urgroßvater Wilhelm im heutigen Ortsteil Wildpark-West seinen Werftbetrieb mit dem dazugehörigen Bootsplatz „Wochenend“. Die älteren Wildparker werden sich noch an ihn erinnern: In seinen letzten Lebensjahren, sitzend und Geschichten erzählend mit Zigarre in der Hand auf der Bank vorm Werftbüro, berichtete er unglaubliches aus der Zeit der goldenen Zwanziger und der schweren Zeit nach dem Krieg. Manchmal war er wohl etwas grantig – so erzählt man – doch im Herzen war er gut.

Des Meisters Reich: In dieser Werkstatt wurden bis 1992 die legendären Jollenkreuzer gebaut. Foto: Jana Fellenberg
Des Meisters Reich: In dieser Werkstatt wurden bis 1992 die legendären Jollenkreuzer gebaut. Foto: Jana Fellenberg

Wilhelm, Sohn eines echten Kap-Hoorniers, wurde am 27. November 1905 in Berlin-Wannsee geboren. Seine Bootsbaulehre absolvierte er in Potsdam und der Meistertitel ließ nicht lange auf sich warten. Der Anfang seines kleinen Betriebs war jedoch schwer und sehr entbehrungsreich für den Werftgründer. 1928 wurde eine große Bootshalle gebaut, die seitlich Kammern zum Übernachten für Kunden aufwies. Während der Anfangszeit wurden in dem kleinen Werftbetrieb 15er und 20er Rennjollen gebaut, mit denen sich Wilhelm erfolgreich an Regatten beteiligte.

Kriegsgefangenschaft und fehlgeschlagene Grenzübertritte

Als der „Führer und Reichskanzler“ jedoch mehr geehrt wurde als der deutsche Segelmeister, war für Wilhelm Schluss mit dem aktiven Segelsport. Später erfolgte seine Einberufung zur Marine. Von der französischen Atlantikküste wurde Wilhelm zur Stabskompanie der Marine OKM in Berlin Treptow versetzt. Somit war er mehr oder weniger Außenschläfer, konnte also die Nächte auf seiner Werft verbringen. Zum Ende des Krieges folgten die Stationen Heiligendamm und Kappeln, ehe Wilhelm nach kurzer Kriegsgefangenschaft und mehreren fehlgeschlagenen Grenzübertritten an der Zonengrenze nach Wildpark-West an die Havel zurückkehrte. Dort wartete nicht nur seine Frau Gertrud, die die Werft ohne größere Schäden über den Krieg gebracht hatte, sondern auch seine Söhne Wilhelm jr., geb. 1929, und Jens, geb. 1944.

Es folgten viele Jahre, in denen das nackte Überleben im Vordergrund stand

Alle vorhandenen Boote an die Sowjetunion

Es folgten viele Jahre, in denen das nackte Überleben im Vordergrund stand. Während dieser Zeit mussten Reparationsleistungen abgewickelt und fast alle vorhandenen Sportboote an die Sowjetunion abgeliefert werden. Dies wurde durch strenge Kontrollen überprüft. Auf der Werft arbeitete man zu dieser Zeit mit vier Mitarbeitern, um den Befehlen der Russen so schnell wie möglich nachzukommen. Aus dem Raum Werder/Havel wurden insgesamt zwei Güterzüge mit Schiffen beladen und abtransportiert. Größere Einheiten wurden nach Brandenburg/Havel gebracht und in Binnenschiffe verladen. Nach der erfolgten Ausführung der russischen Befehle gab es auf den Werften im Großraum Werder/Havel fast keine Boote mehr.

Auswanderung nach Amerika

Zu dieser Zeit wurde von der Familie an einer Auswanderung nach Amerika gefeilt. Zusammen mit dem Konstrukteur und leidenschaftlichen Segler Kurt Grunewald, war alles vorbereitet worden und drei amerikanische Wassersportzentren fielen in die engere Auswahl.

Da für jeden Einwanderer eine Kaution hinterlegt werden musste, war die Summe für die ganze Familie von den Bekannten in Amerika jedoch nicht aufzubringen.

Mitglied des Meisterprüfungsausschusses

Nach der fehlgeschlagenen Auswanderung wurden wieder alle erdenklichen Arbeiten ausgeführt und trotz aller Schwierigkeiten begannen zwei Lehrlinge auf der Werft ihre Bootsbaulehre. Einer von ihnen wurde über alte Verbindungen zu Henry Rasmussen in die Werft Abeking und Rasmussen nach Lemwerder verlegt. Es war der älteste Sohn Wilhelms, Wilhelm Görrissen jr. Er hat dort, wie man zu sagen pflegt, die goldene Klinke bekommen und bis zu seiner Rente bei A&R gearbeitet. Vater Wilhelm Görrissen wurde Obermeister im Bezirk Potsdam, dem heutigen Land Brandenburg. Es waren im Großraum circa 40 Betriebe zusammenzuhalten. Außerdem war Wilhelm Mitglied des Meisterprüfungsausschusses, und so gingen zu dieser Zeit viele Prüflinge durch seine Hände. Diese Arbeiten wurden neben den allgemeinen Belastungen des Zwei-Mann-Betriebes ausgeführt und waren unter den politischen Gegebenheiten mehr als wichtig.

Wie auf einer Hallig: Weithin sichtbar das Haus der Görrissens. Foto: Jana Fellenberg
Wie auf einer Hallig: Weithin sichtbar das Haus der Görrissens. Foto: Jana Fellenberg
20er Jollenkreuzer

Ab 1960 wurden auf der Bootswerft Görrissen erst 15er und später auch 20er Jollenkreuzer in Leistenbauweise gebaut. Anfang der 70er Jahre wurde ein 15er Jollenkreuzer für die Abnahme einer Polyesterform vorbereitet. In den Jahren bis 1992 wurden über 60 Bootskörper in dieser Form hergestellt. 1976 – nach 50 Jahren – wurde der Betrieb an meinen Opa Jens Görrissen, den zweiten Sohn Wilhelms und heutigen Chef der Werft übergeben.

Viel Arbeit und Geld investiert

Nach der Wende wurde viel Arbeit und Geld investiert, um auf dem neuen Markt zu bestehen. Ab 1990 wurde das Gelände und die Bootsliegeplätze umfassend erweitert. Es wurden unter anderem ein Büro mit anliegenden Sanitäranlagen und drei neue Stege mit Strom- und Wasserversorgung gebaut. Seit 1994 befindet sich ein fahrbarer Bockkran mit neuer Laufkatze und Verstell-Traverse auf dem Gelände. Die Bootswerft verfügt über einen Transporthubwagen mit Lagerbocksystem.

1997 wurde auf der Werft die erste Solartankstelle für Boote im ganzen Land Brandenburg installiert. Eine Ferienwohnung, Stellplätze für Wohnmobile, ein Mobilheim, ein großer Wohnwagen für Gäste – dies sind nur einige Objekte, die die Bootswerft Görrissen heute zu bieten hat.

Kunden aus ganz Deutschland

Mit der Werft hat sich auch die Kundschaft verändert. Kamen damals viele Kunden aus Berlin mit dem Zug ins Grüne, so kann der Bootsplatz heute nicht nur Berliner, sondern auch Kunden aus Bayern, Karlsruhe, Ober- und Unterfranken, Hamburg und vielen anderen Bundesländern zu seinen Gästen zählen.

Inzwischen hat der Familienbetrieb Kunden, die sich schon seit über 60 Jahren an der Havel wohlfühlen. Einige gehen von hier aus auf große Fahrt, kehren aber immer wieder auch wegen der Schönheit der Landschaft hierher zurück.

Boote werden seit 1992 nicht mehr gebaut, das Repertoire der Arbeiten, die hier immer noch in höchster Qualität ausgeführt werden, ist aber breit gefächert. Die Reparatur von Holz und GFK, aber auch Lackier- und Überholarbeiten sowie Pflege- und Wartungsarbeiten gehören dazu. Seit 1990 vertritt die Bootswerft Görrissen unter anderem die Schweizer Marke „Boesch“. Deshalb werden auch einige der vorhandenen Boesch-Motorboote im Herbst regelmäßig aus Berlin abgeholt, in Stand gesetzt und im Frühjahr wieder persönlich bei den Kunden abgeliefert.

Die Zukunft gehört Jiss Ole

Der Werftbetrieb wird zur Zeit von meinem Opa Jens Görrissen, meiner Oma Edeltraud und dem gemeinsamen Sohn, meinem Vater Sven – geboren 1970 und gelernter Bootsbauer – geführt und soll an den Junior bald weitergegeben werden. Der Enkel Jiss Ole, mein kleinerer Bruder – geboren 2006 und nach seinem Ur-Ur-Großvater dänischer Herkunft benannt, braucht zwar noch etwas Zeit, ist aber schon mit Feuereifer dabei, Fähigkeiten zu erlernen, die er vielleicht später zum Führen der Werft benötigt.

Freda Görrissen
Freda Görrissen

Autorin Freda Görrissen, geboren 2001, lebt zusammen mit ihrer Familie in Wildpark-West. Die vielfältige junge Frau besucht zur Zeit die Voltaireschule in Potsdam. Sie ist Rettungsschwimmerin und Sanitäterin bei der DLRG und veröffentlichte mehrere Beiträge in der PNN. Beim Bürgerfest am 21. April 2018 auf dem Marktplatz von Wildpark-West, dem Start der Nachpflanzaktion „Rettet die Waldsiedlung“ 2018-2033, rezitierte sie zusammen mit Dr. Jürgen Harder das Gedicht „Die Birke“.

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