„Tu was, dann wird dir besser“

„Tu was, dann wird dir besser“

Ein Leben für die Jugend: Professor Dr. Lothar Klingberg war nicht nur Lehrer und 
Erziehungswissenschaftler, er war vor allem Humanist und hat zudem der Nachwelt 
als bleibendes Vermächtnis sein wissenschaftliches Werk als Didaktiker hinterlassen.

Tu was, dann wird dir besser“

Als sich am 17.  Juli 1999 ein unüberschaubarer Trauerzug von der Geltower Dorfkirche zum unweit gelegenen Friedhof in Bewegung setzte, wussten nur wenige Einheimische, dass hier ein großer Gelehrter zu Grabe getragen wurde.

Lothar Klingberg war nicht nur Lehrer und Erziehungswissenschaftler, wie es Prof. Dr. Ernst Cloer aus Hildesheim in seiner Trauerrede vor den vielen angereisten Wissenschaftlern betonte, er war vor allem Humanist und hat zudem der Nachwelt als bleibendes Vermächtnis sein wissenschaftliches Werk als Didaktiker hinterlassen.

Fast ein Dutzend Bücher schrieb der schon zu Lebzeiten berühmte Wissenschaftler, wobei sein Hauptwerk „Dialektische Didaktik“ in viele Sprachen, so u.a. ins Japanische übersetzt wurde. Ungezählt sind seine Veröffentlichungen zu verschiedenen Themen der Pädagogik. Das brachte ihm zu DDR-Zeiten zwar keine Reichtümer, dafür aber manch Nachfrage und auch gewisse berufliche Freiheiten ein.

Große Achtung der Fachwelt

Prof. Klingberg hat sich intensiv mit dem Widerspruch von Führung und Selbstständigkeit im Unterrichtsprozess auseinandergesetzt. Die „Wahrnehmung des dialektischen Verhältnisses von Lehrer und Schülertätigkeit in einem didaktisch inszenierten Vermittlungs- und Aneignungsprozess war seiner Meinung nach die Grundlage jeder dialektisch orientierten Didaktik“. Für ihn beruhte der dialektische Widerspruch zwischen Führung und Selbsttätigkeit auf der widersprüchlichen Einheit von Lehren und Lernen.
Ein Widerspruch, der immer wieder aufs Neue gelöst werden muss.

Auf seinen Lehrsätzen basiert das moderne Bildungssystem

Diese heute immer noch anerkannte Meinung sowie seine Studie „Lernen, Lehren, Unterricht – Über den Eigensinn des Didaktischen“ (1997) brachte ihm große Achtung in der Fachwelt ein. Auf seinen Lehrsätzen basiert das moderne Bildungssystem, ein System, das zum Ende der 1980er Jahre in Skandinavien übernommen und heute (wieder)entdeckt wird. Die Verbindung von Unterricht mit produktiver Arbeit nach dem Prinzip der polytechnischen Bildung und Erziehung hielt er für die größte Leistung des sozialistischen Bildungssystems. Dennoch setzte der überzeugte Marxist sich zum Ende seines Lebens kritisch mit der Schule in der DDR auseinander und stellte rückwirkend bedauernd fest, dass deren an sich positive Öffnung zu mehr Lebensnähe sehr in einen vordergründigen Gegenwartsbezug und in vorschnelle Bejahung des Politischen ausartete. In seinen Ansichten über die Kommunikationsformen des Unterrichtsprozesses sowie über den Einfluss der materiellen Basis der Schulraumgestaltung auf die didaktische Bewusstseinsförderung war er seiner Zeit weit voraus.

Die Stele auf dem Friedhof in Geltow erinnert noch heute an seine Berufung: „Er war Lehrer“. Foto: Jim Kent
Die Stele auf dem Friedhof in Geltow erinnert noch heute an seine Berufung: „Er war Lehrer“. Foto: Jim Kent

Lothar Klingberg wurde am 11. Januar 1926 in Rosenberg (Oberschlesien) geboren. Nach traumatischen Kriegserlebnissen, die ihn sein ganzes Leben begleiteten (er erlebte als junger Mann eine Scheinhinrichtung durch Partisanenverbände) studierte er nach 1945 in Leipzig Geschichte, Philosophie, Pädagogik und Musik unter anderen bei Hans Mayer und Ernst Bloch. Seine Dissertation zum Thema „Strukturprobleme der Unterrichtsstunde“ verteidigte er 1956 an der „Karl-Marx-Universität“. 1965 ereilte ihn der Ruf auf den Lehrstuhl für Systematische Pädagogik und Allgemeine Didaktik an die Pädagogische Hochschule Potsdam.

Zusammen mit seiner Frau Renate lebte Prof. Klingberg lange Jahre in der geräumigen Wohnung der Fasanerie Geschwister-Scholl-Straße im Park Sanssouci. Ein Ort, der offensichtlich nicht nur auf Pädagogen und Wissenschaftler inspirierend wirkt, denn auch der große Dirigent Wilhelm Furtwängler lebte lange Zeit, als er den Berliner Symphonikern vorstand, in den historischen Mauern. In Wildpark-West besaß das Ehepaar Klingberg einen kleinen, damals ortstypischen Bungalow, in dem es Entspannung vom Alltag suchte oder er sich in der Ruhe der Waldsiedlung seinen pädagogischen Studien widmen konnte. Die beiden Jungs Lars (Musikwissenschaftler) und Daniel (Physiker) wuchsen hier auf, wandten sich aber Mitte der achtziger Jahre von ihrer Heimat ab – ein Fakt, der dem Ehepaar sehr zu schaffen machte.

Der Tod des großen Gelehrten kam überraschend: An einem wunderschönen Sommertag erlitt der 73jährige einen Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder erholen sollte. Drei Tage später, am 8.  Juli 1999 
verstarb er.
Seine Frau, die viele Jahre als Kunstlehrerin an der Potsdamer Volkshochschule lehrte, zog dann ganz in die Waldsiedlung, wo sie noch heute lebt.

An seinem Grab auf dem Friedhof in Geltow erinnert noch heute die Stele aus italienischem Travertin an seine Berufung: „Er war Lehrer“.

Carsten Sicora
Carsten Sicora

Autor Carsten Sicora, geboren 1967 in Dresden, verheiratet, lebt seit 1989 in Wildpark-West

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