Rote Gaukler unter Eichen

Rote Gaukler unter Eichen

In seinen letzten Lebensjahren schlug Siegfried Singer sein Ferien-Domizil in Wildpark-West auf, hier fand er Inspiration und fühlte sich wohl. Er schrieb, zeichnete und ließ sich von der Natur und der Stille der Siedlung künstlerisch anregen.

Rote Gaukler unter Eichen

Siegfried Singer sucht man vergeblich in den Weiten der digitalen Welt – und doch hat er Spuren hinterlassen. Spuren in Ton und auf Papier, die unverwechselbar seine Handschrift tragen. Und das kann man wirklich wörtlich nehmen; er hatte Hände, die von hartem Schaffen geformt nur schwer mit seinen Werken in Verbindung zu bringen sind, Arbeiterhände.

Singer wurde am 12. März 1931 zusammen mit seinem Zwillingsbruder Gerhard in Dresden geboren, besuchte dort ab 1937 die Volkshochschule und ab August 1942 die Oberschule. Er bezeichnete diese Zeit später selbst als sehr prägend, da er dort eine fachlich und künstlerisch exzellente Ausbildung erhielt, eine Ausbildung die in damaliger Zeit nur ausgewählten Knaben zukam. Seine Jugend schützte ihn vor der leidvollen Erfahrung, in den letzten Kriegstagen noch eingezogen zu werden; nicht jedoch davor, den Bombenhagel am 13. Februar 1945 auf die Elbestadt zu erleben. Siegfried, der außer seinem Zwillingsbruder noch eine Schwester und einen jüngeren Bruder hatte, war gerade mit ihnen und der Mutter von der Abendveranstaltung im Circus Sarasani unterwegs zurück in die Dürerstraße, als sie in die erste Bomberwelle gerieten. Wer die Berichte über diese Nacht gelesen hat weiß, was die Menschen dort erlitten. Die Singers überlebten, jedoch war die elterliche Wohnung inzwischen ausgebombt. Die Mutter flüchtete mit den vier Kindern zu Verwandten ins Sudetenland, dort wurden sie aber Ende Mai 1945 wieder ausgewiesen und kehrten in ihre zerstörte Heimatstadt zurück.

Siegfried Singer beim Zeichnen an seinem Schreibtisch. Foto: Privat
Siegfried Singer beim Zeichnen an seinem Schreibtisch.
Foto: Privat

Die Schulen waren Trümmerhaufen, die Not war überall groß. Undenkbar die Oberschulausbildung in der begonnenen Form fortzusetzen, die Stadt musste wieder aufgebaut werden. Schon im Herbst erlernte er den Beruf eines Maurers und legte 1948 die Gesellenprüfung ab. In dieser Zeit entdeckte er wohl seine künstlerische Ader, und probierte sich vor allem im Zeichnen. Mehrere Quellen berichten, dass Singer sich besonders für Bühnengestaltung interessierte – ein Traum, der aber erst einmal der Realität der Nachkriegszeit weichen musste. Gemeinsam mit einem vom FDGB zusammengestellten Jugendaktiv arbeitete er auf „Wanderschaft durch Mecklenburg“ beim Bau von Neubauernhöfen (Befehl 209) in Watzkendorf (1948), Flatow und Blankensee (1949), war auch bei der Errichtung der Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin und dem Stahl- und Walzwerk Brandenburg dabei.

Stetige Weiterentwicklung

Wie man seinen schriftlichen Aufzeichnungen entnehmen kann, bedeutete ihm die Arbeit und auch die stetige Weiterentwicklung sehr viel. Auch wenn er anfangs wohl viel lieber Kunst studiert hätte, konnte er 1950 ein Studium an der Baufachschule Brandenburg beginnen, welches er 1954 als Bauingenieur abschloss. Später lehrte er selbst in Glauchau und arbeitete seit Mitte der fünfziger Jahre bei der Wasserwirtschaft in seiner Geburtsstadt. Einem Abstecher nach Magdeburg, wo er Gastvorlesungen an der dortigen Ingenieurhochschule hielt, folgten zahlreiche fachliche Qualifikationen. Seit 1983 arbeitete er im Forschungszentrum Wassertechnik der Elbestadt, leitete dort verschiedene Experimentalvorhaben und wurde 1989 Leiter Versuchswesen. Für viele seiner Altersgefährten kam nun mit der Wende das Aus, Singer jedoch fand berufliche Erfüllung in einem Baubüro für Planung und Bauleitung von Wasserversorgungsanlagen, noch lange über das Rentenalter hinaus! Leben bedeutete ihm immer auch Lernen. Deshalb freute es ihn besonders, als dies im reifen Alter von fast siebzig Jahren, auch Anerkennung in Form eines Diplom-Ingenieur (FH) fand.

Spätphase seines Schaffens

Erst in den 1990er Jahren besann er sich wieder auf seine „künstlerische Ader“, der Beginn der Spätphase seines Schaffens. Auf seinen vielen Reisen, die familiäre Situation erlaubte dies nun, fertigte er zahlreiche Aquarelle und Zeichnungen an.

Zum Modellieren von Ton kam er zwar spät, hatte aber unglaubliches Geschick. Seine liebenswerten Figuren fertigte er zu Hause, ehe er sie – mit großem logistischen Aufwand und immer der Angst im Nacken, sie könnten beim Transport zerstört werden – mit nach Wildpark-West nahm. Dort wurden sie zweimal gebrannt und strahlen nun große Güte und menschliche Wärme aus.

Sein Feriendomizil, Haus im Fuchsweg 11a (1998)
Sein Feriendomizil, Haus im Fuchsweg 11a (1998)

Sein Ferien-Domizil schlug er dabei immer in der historisch bedeutsamen Villa im Fuchsweg 11a auf, hier fand Singer Inspiration und fühlte sich wohl. Dem Haus und seiner Bewohnerin schuf er mit seiner Zeichnung eine bleibende Erinnerung.


In der Waldsiedlung verbrachte er die letzten Sommer seines Lebens, schrieb, zeichnete und ließ sich von der Natur und der Stille des kleinen Ortes künstlerisch anregen. Regelmäßig unternahm er Spaziergänge, besuchte die Potsdamer Schlösser und Gärten oder fuhr ganz einfach mit dem Ruderboot auf der Havel. Im Winter 2001/2002 erkrankte Singer plötzlich und verstarb am 30. April 2002 in Dresden. Sein Zwillingsbruder Gerhard sowie seine Tochter und sein Sohn leben noch heute in Dresden.

Über die Arbeit

Ich hatte kürzlich einen Gast,
sein Leben schien nur Jammer,
Arbeit war ihm nur Qual und Last,
täglich ein echter Hammer.

Hat er wohl einmal schon bedacht
wie`s ohne Arbeit wäre,
wenn sich ganz plötzlich über Nacht
alles einfach umkehre?

Auf Arbeit schimpft man nur so lang,
wie man noch welche hatte,
erst dann erhält sie ihren Rang,
steht täglich zur Debatte.

Dann ist oft jedes Mittel recht,
nur etwas tun! Nicht warten!
Die Arbeit war gar nicht so schlecht,
nun sitz` ich hier im Garten.

Vergessen die Bequemlichkeit,
erwachen ohne Wecker,
am Frühstückstisch schon Heiterkeit,
Brötchen ganz frisch vom Bäcker.

Mir hat die Arbeit Spaß gemacht,
über die vielen Jahre,
hat manch` Erkenntnis mir gebracht
und nicht nur graue Haare.

Nicht was der Mensch ist,
was er tut – das bleibt ihm unverloren
sein Eigentum, nur dieses Gut
hat Achtung stets geboren.

So sehe ich halt diese Welt,
urteile und entscheide.
Natürlich freute mich auch`s Geld!
Sonst wär` ich nämlich pleite …

Siegfried Singer, 1999

Fahrt und Ankunft

Die Seele baumelt so dahin,
Musik ist mein Begleiter.
Nur kurz ein Blick, wo ich wohl bin
und weiter geht es, weiter.

Der Weg, der überall markiert.
Mein „Skoda“ kennt die Strecke.
Das Ziel ward ihm ja „eingraviert“,
vom Tor an Deiner Hecke.

Ich bin nun fast an meinem Ziel,
was wird mich wohl erwarten?
Warum nur dies` Gedankenspiel?
Wie stehen meine Karten?

Laß den Gefühlen freien Lauf
und auch dem Lauf der Worte.
Ich freue mich doch schon so drauf!
Weit öffne Deine Pforte!

Steh ich dann wieder vor der Tür,
schau in zwei liebe Augen.
Was fühl ich da, was sag ich bloß?
Fast will ich`s gar nicht glauben.

Dann wird es laut, da wo mein Herz, 
dann jubelt meine Seele.
Der Puls geht hoch auf hundert Hertz, 
ganz eng wird sie, die Kehle.

Ich trat ins Haus, zu ging die Tür.
Schluß jetzt; nun kommen Pflichten.
Kein Wort darüber ich verlier`,
– jetzt hör ich auf zu dichten.

Siegfried Singer, 1998

Jana Fellenberg
Jana Fellenberg

Autorin Jana Fellenberg, 1967 in Potsdam geboren, Dipl. Informatikerin, verheiratet, lebt seit ihrer Kindheit in Wildpark-West

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