Nachts schlafen die Ratten

Nachts schlafen die Ratten

9. November 1989
Premiere des DEFA-Streifens „coming out“ im Berliner Kino „International“. Der Besucheransturm ist so groß, dass zwei Vorstellungen gegeben werden müssen. Heiner Carows Film mutig – ein Tabubruch. Werner Dissels Rolle gravitätisch als „alter Mann im Taumel“ zwischen gesellschaftlichen Zwängen. Und obwohl zwischen Anfang und Ende der Aufführungen nur vier Stunden lagen, ist nach der Premiere nichts mehr wie zuvor …

Nachts schlafen die Ratten

  VON RALPH BEREK

Es gibt Tage, die haben sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis einer Nation eingeprägt. So auch dieser kalte Donnerstag. Fast jeder von uns Älteren weiß noch genau, was er am Abend des 9. November 1989 getan hat. Angelika Dissel, studierte Arabistin und seit 1970 Ehefrau des in der DDR durch Film und Theater so bekannten Künstlers, erinnert sich natürlich auch noch genau daran. „Als wir das Kino verließen, war es schon dunkel, die Crew um die Darsteller Matthias Freihof, Dirk Kummer, Dagmar Manzel, Charlotte Lothar Berfelde und Michael Gwisdek wollte noch in die Schoppenstube zur Premierenfeier. Das Lokal war einer der Drehorte und befand sich auf der Schönhauser Allee, in unmittelbarer Nähe zum Grenzübergang Bornholmer Straße. Während Werner sich der fröhlichen Truppe anschloss, verabschiedete ich mich – es zog mich nach Hause, ich hatte einen langen Tag hinter mir. Auf meinem Weg Richtung Hackescher Markt wunderte ich mich nur über die vielen Menschen auf den Straßen, die noch unterwegs waren. Am nächsten Tag wusste ich natürlich, warum …“

Einen Silberbären auf der Berlinale

„Coming out“ war nicht nur zeitlich gesehen ein Meilenstein der DDR-Filmgeschichte. Als DEFA-Streifen erhielt er 1990 auf der Berlinale einen Silberbären, was Kritiker abwertend der politischen Situation zuschrieben. Doch der Inhalt des Films war brisanter, als es aus heutiger Sicht erscheint. Dissel bedeutete der Film viel, denn er behandelte erstmalig die Thematik der Homosexualität. „Als Heiner Carow mir die Rolle anbot, wollte ich wissen, was für eine Art von Film das wird, für oder gegen? Da es darum ging gegen – auch jetzt noch – behauptete Vorbehalte und die auf Ghetto-Lebensformen angewiesene Homosexuellenszene anzugehen, nahm ich gern an und war freudig überrascht, dass der Film inzwischen als Botschaft für Toleranz, Verständnisbereitschaft und Humanität verstanden wird, das eigentliche Thema weit überschreitend. Als Schauspieler fühle ich mich bestätigt, was mich an meinen Beruf bindet: Die Aufgabe dem Menschen den Menschen begreiflich zu machen …“, sagte er nach der Preisverleihung.

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