Schöne Gärten vorgestellt: Großer Querweg 6

Der muss sich durchsetzen, er sucht das Licht

VON GÄRTNERMEISTER ROSERICH

Eigentlich kann man gar nicht anders. Ist man zu Fuß durch die Waldsiedlung unterwegs und biegt vom Fuchs- in den Großen Querweg ein, wird auf der linken Seite nach einigen Schritten das Auge von leuchtenden Farben angezogen. Durch den Zaun lugen unten die orangenen Köpfchen der Großen Kapuzinerkresse. Die Sonnenblumen drehen sich zum Licht und hoffen bald zu erblühen. Links vorm Tor eine Kiefer, noch keine zwanzig Jahre alt, doch schon mit Katasternummer und von stattlicher Gestalt. Das Holzhaus, die Bäume und verschiedenste Pflanzen bilden ein harmonisches Ensemble und lassen nicht nur das Botanikerherz höher schlagen.

Zwei vom Fach

Blumen über Blumen, deren Blüten übers Kalenderjahr abgestimmt dem Garten jeweils ein neues Antlitz geben. Ob Dahlien, Gelenkblume oder Phlox, deren flammende Farben dem Himmel entgegenzustreben scheinen – hier merkt man, dass zwei vom Fach mit Sachverstand und Freude beim Werken sind. Bescheiden wehrt Gärtnermeister Wenk ab, wenn man ihn auf die viele Arbeit anspricht. „Mir und meiner Frau macht das Gärtnern Freude! Nach dem großen Sturm im November 1972 waren in Wildpark-West viele Bäume umgestürzt, viel mehr als durch die letzten Stürme!“ Er zeigt auf ein paar stattliche Exemplare: „Diese hier haben wir damals im Anschluss alle neu gepflanzt. Ich machte an diesem unheilvollen Sturmtag gerade meine Fahrschule, kam aus Potsdam und kann mich deshalb noch gut daran erinnern; überall lagen die Bäume herum, man kam kaum durch.“ Heute bilden diese großen Tannen und die Douglasie einen schönen Rahmen für den Ziergarten der beiden. Auch kleine Kiefern, Birken und ein erst im letzten Jahr gesetzter Birnenbaum streben im hinteren Teil des Gemüsegartens zum Licht. Ob Eibe, Serbische Fichte oder Lärche: Viele der Bäume wurden oder werden noch heute aus Samen in Töpfen selbst gezogen. Besonders die jungen Bäume müssen deshalb gründlich gewässert werden, denn der trockene Sommer macht nicht nur uns Menschen, sondern auch den Pflanzen und Gehölzen zu schaffen. Im Frühjahr war die Sitkalaus in der Blaufichte, die sich aber wieder gut erholt hat. Freud und Leid gehören zum Gärtneralltag dazu.

Standortgerechte Pflanzen
Ein Schmaus für die Augen: Harmonisch fügt sich das kleine Holzhaus in die Gartengestaltung ein. Die Blumen, Gräser und Gehölze bilden ein gelungenes Ensemble. Foto: Jim Kent
Ein Schmaus für die Augen: Harmonisch fügt sich das kleine Holzhaus in die Gartengestaltung ein. Die Blumen, Gräser und Gehölze bilden ein gelungenes Ensemble. Foto: Jim Kent

Hohe Gräser wiegen sich im Wind. Zebra-, Silberfeder und Japanisches Blutgras bilden dabei dekorative kleine Inseln, zwischen denen Stauden, ein paar Primeln und eine alter Rosenstrauch hervorlugen. Das Lampenputzergras wartet auf den Spätsommer, es erblüht gewöhnlich erst im August. Seine Scheinähren erinnern in der Form an die früher zum Putzen der Glaskolben benutzten Puscheln, einer Art Bürste. Daneben ein Perückenstrauch. Schaut man genau hin, erklärt sich der Name von allein. Das in der Pflanze enthaltene Fisetin wurde früher zum Färben von Wolle und Leder verwendet.

Im Halbschatten vor dem gemütlich wirkenden und sich gut in die Waldsiedlung einfügenden Holzhäuschen stehen drei Rhododendronsträucher, die nicht geschnitten werden dürfen, aber viel Wasser brauchen. Ihre Knospen verraten noch nichts von ihrer Farbe, erst im nächsten Jahr werden sie lila erblühen. Sie haben noch ihre Ursprungsform, sind also nicht veredelt, sondern durch Samen vermehrt und treiben über die Wurzeln neu aus. Der große Strauch in der Mitte des Gartens ist schon älter, bestimmt über dreißig Jahre. Die fünfgliedrigen Blätter wirken lederartig. Wenn er erblüht, leuchtet es rot. Während die Dolden des Phloxes mit einem strahlenden Weiß und kräftigem Blau erblühen, hat die kupferfarbene Lilie ihren Zenit für dieses Jahr schon überschritten und lässt vergangene Pracht nur erahnen. Dagegen präsentiert sich die Türkenbundlilie in sattem Gelb. Die Hortensien sind ob der Wärme dieses Jahr auch viel zu früh dran und wetteifern in verschiedenen Schattierungen von Lila. Die Herbstastern müssen sich allerdings noch etwas gedulden und ergänzen dann das Farbspiel in den nächsten zwei Monaten mit leuchtendem Blau und einem zartem Rot.

Fast alle Pflanzen, die das Auge erfreuen, sind Waldpflanzen. Standortgerechte Pflanzen, die es gewöhnt sind, mit den Verhältnissen von saurem Boden klar zu kommen. „Die Nadeln unter den Bäumen, aber auch Komposterde und der zusätzliche Mulch des Rasenschnitts versorgen sie mit den wichtigen Nährstoffen, verhindern übermäßige Unkrautbildung und schützen vor dem Austrocknen“, erklärt Frau Wenk, selbst 15  Jahre im Botanischen Garten der Potsdamer Hochschule beschäftigt. „Wo Maiglöckchen stehen – hier im Werderschen sagen wir Maiblümchen – wächst kein Unkraut. Auch beim Geranium, dem Storchschnabel als Bodendecker, wird man kaum welches finden, sie sind einfach zu bestimmend.“ Vor kurzem hat sie in einer Schale Hornveilchen ausgesät, die bei den derzeitigen Temperaturen schon alle aufgegangen sind und nun bald vereinzelt werden müssen. Das dies aufwändig ist, stört sie kein bisschen. Arbeit ist sie gewohnt. „Die verschiedenen Farne haben wir vor vielen Jahrzehnten schon mit dem Grundstück übernommen, sie vermehren sich selber.“ Der gemeine Geißbart, aus der Gattung der Rosengewächse, grüßt mit den weißen Blüten seiner Ähren. Am Gartenrand zur Nordostseite steht ein stolzer Ginkgobaum, sie schätzt ihn auf 35  Jahre. „Der muss sich durchsetzen, er sucht das Licht. Zum Glück haben wir keinen weiblichen mit Früchten, sonst würde man den Geruch im Spätherbst nicht aushalten.“ An der kleinen Garagenwand gegenüber wächst wilder Wein, eine kanadische Trauben- und davor eine Eberesche, deren gut bekömmliche Beeren sich durch einen leicht süß-herben Geschmack auszeichnen.

Nur dreimal richtig Regen
Der Gartenplan, Großer Querweg 6 in Wildpark-West. Grafik: Ralph Berek
Der Gartenplan, Großer Querweg 6 in Wildpark-West. Grafik: Ralph Berek

Aber eigentlich sind die Beeren für die Vögel bestimmt, die kräftig mithelfen, die Samen zu verbreiten. Manche Pflanzen eignen sich sogar zur Wettervoraussage. Das klappt natürlich nicht immer, aber wenn die Dreimasterblume ihre blauen Blüten schließt, regnet es in der Folge. Heute sind sie nicht geschlossen, die Sonne brennt unbarmherzig. Nur dreimal richtig Regen in diesem Jahr, Folge der menschlichen Unvernunft? „Es ist nicht gut, wie wir mit unserer Umwelt umgehen“, lässt Herr Wenk, der vor kurzem seinen 85.  Geburtstag feierte, vernehmen. „Wir müssen behutsam mit der Natur umgehen und sie achten!“ Natürlich weiß er um die Belastung, die die jüngeren Bewohner der Waldsiedlung durch den beruflichen Alltag erfahren. Das Ehepaar hat ein erfülltes und anstrengendes Berufsleben hinter sich. „Arbeitsaufwändige Gärten brauchen natürlich viel mehr Zeit und Pflege als eine Rasenfläche. Aber blühende Sträucher am Rande eines Grundstücks erfreuen nicht nur das Auge, sondern auch die Vögel und Insekten. Ein einfacher Garten macht nicht so viel Arbeit, ist aber das bisschen Mühe wert. Neu angelegt, braucht er nur zwei bis drei Jahre, bis man erste Erfolge sehen kann. Dahlien sind natürlich in der Pflege zu aufwändig. Aber das Sedum, ein Bodendecker aus der Pflanzengattung der Fetthenne, ist, wenn es blüht, wirklich schön anzusehen. Oder hier“, er deutet auf einen Strauch, „der Persische Flieder, blüht im Frühjahr in einem herrlichen Blau!“ Auch das Heidekraut zu seinen Füßen mit seinen purpur-violetten Farben gibt sich selbst mit kargem Sandboden zufrieden. Und die Schafgarbe, die man noch oft am Wegesrand und auf den Wiesen findet, ist eine schöne Zierpflanze, die sich gut fürs Blumenbeet eignet. Ebenso die Spiraea, ein sommergrüner Strauch mit gesägten Blättern. Die Begeisterung und die Freude über das Erreichte ist dem Ehepaar anzumerken, wenn es über den Garten spricht. Auch die Tochter ist in die Fußstapfen der Eltern getreten. Sie ist als Gartenbauingenieurin tätig und erfreut sich bei ihren Besuchen an der Schönheit, die ihre Eltern durch der Hände Arbeit erschaffen haben.

Doch abschließend wird Gärtnermeister Wenk noch einmal nachdenklich, wenn er meint: „Bei allem was wir tun, dürfen wir nicht vergessen: Wir brauchen die Natur – doch sie braucht uns nicht!“

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