Liebe Leserinnen und Leser,
ich freue mich, Ihnen heute in dieser neuen Zeitschrift auch einen Gruß Ihrer Kirchengemeinde senden zu können. In Potsdam-West und der Brandenburger Vorstadt wird gerade die „Stadtteilzeitung“ zum letzten Mal in Papierform herausgegeben. Nach zehn Jahren und vierzig Ausgaben hat sich die Redaktion dort entschlossen, vollständig auf das Internet für die Veröffentlichung zu setzen. In Wildpark-West entsteht nun zeitgleich zu diesem Abschied ein neues Magazin für die Einwohnerinnen und Einwohner. Im Namen der Kirchengemeinde wünsche ich der Redaktion Gottes Segen, eine gute Ausdauer und viele kreative Einfälle. Während ich diese Zeilen schreibe freue ich mich schon darauf, das Heft in den Händen zu halten.

Nachgedacht

VON TOBIAS ZIEMANN

Kleider machen Leute! – Unter diesem Motto hat die Fotografin Herlinde Koelbl Männer und Frauen jeweils doppelt abgelichtet – einmal in ihrer Freizeitkleidung und einmal in Berufskleidung. Da sieht man im Ausstellungskatalog auf der linken Seite eine junge Frau im Trägertop. Schüchtern lächelt sie in die Kamera, die Hände zaghaft vor dem Schoß verschränkt. Daneben sieht man denselben Menschen – und doch einen anderen. Stolz und aufrecht steht diese Frau da, mit souveränem Blick in die Kamera. Schwarze Mütze auf dem Kopf, schwarzer Arbeitsanzug, der sie größer macht. Eine Schornsteinfegerin mit Leib und Seele – das sieht man jetzt sofort.

Kleider machen Leute. Mit ihnen können wir in eine andere Rolle schlüpfen, sie gewähren Schutz, verschaffen Respekt, sind Markenzeichen. Ob Pilot oder Zimmermann, Pfarrer oder Soldat. Das Prinzip ist dasselbe. Und wie sehr kann man sich in einem Menschen täuschen, wenn man nur die eine Seite sieht!

Ein alter Mann erzählte mir einmal, wie viele der Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg nur noch ein Foto ihres alten Lebens bei sich trugen. Sie hatten alles verloren und besaßen nichts als die schäbige Kleidung, die sie am Leib trugen. Stolz zeigten viele damals diese Bilder aus der Vergangenheit herum. Sie sagten: „Ich war auch mal wer! Ich hatte in der Neumark einen Hof, Knechte und Mägde.“ „Ich hatte einen Laden, Kolonialwaren, und darüber eine große Wohnung in Königsberg.“ Und wie zum Beweis zeigten sie dann das Foto: „Ich war auch mal wer.“ Die Einheimischen waren meistens wenig begeistert davon, dass in ihren Zimmern nun fremde Familien einquartiert wurden. Und als Fremder in so ein Haus zu kommen, in einem fremden Dorf, das jetzt die neue Heimat sein sollte, muss furchtbar gewesen sein. Da waren die Fotos vom alten Leben ein Trost. Und zugleich eine Hilfe, um den eigenen Stolz nicht zu verlieren: „Ich war auch mal wer – und bin es immer noch.“

Wahres Selbstbewusstsein kommt natürlich weder aus Kleidung noch aus alten Fotos. Aber in Zeiten, in denen alles wegbricht, helfen solche Dinge. Und es hilft, wenn andere Menschen sich für mich interessieren: Woher komme ich, was ist mein Beruf, wer ist meine Familie? Viele Seiten eines Lebens. Es lohnt sich, darin zu blättern.

Ihr Pfarrer
Tobias Ziemann

Pfarrer Tobias Ziemann
Pfarrer Tobias Ziemann

Tobias Ziemann, 1983 in Berlin-Mitte geboren, Studium der Evangelischen Religionspädagogik in Berlin, Vikar in Potsdam-Drewitz, erste Pfarrstelle ab 2010 im Löwenberger Land, seit November 2017 Pfarrer im Sprengel Potsdam-Erlöser, verheiratet, zwei Söhne.

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