Architektur der Waldsiedlung

Kommt man von Potsdam aus über den Fuchsweg in den Ort, fällt einem rechter Hand ein süddeutsch anmutendes Haus in den Blick. Der fürs Potsdamer Umfeld untypisch breit gezogene Giebel mit der schwarzen Holzverschalung erinnert eher an den Schwarzwald. Und es gibt noch ein zweites davon …

Doppelt schön und alemannisch

Selbst innerhalb der in den 30er Jahren entstandenen Siedlung, in der es gebaut wurde, fällt es aus der Reihe. Marianna von Klinski-Wetzel beschreibt es in ihrem Buch über Wildpark-West als „alemannisch“.

Altes Haus mit schönem Garten. Die Terrasse liegt geschützt zur Straße. Ansicht von Südosten: Am Wasserwerk 6 (2016)
Altes Haus mit schönem Garten. Die Terrasse liegt geschützt zur Straße. Ansicht von Südosten: Am Wasserwerk 6 (2016)

Wurden im Ort doch die, für die Architekten von Estorff und Winkler typischen, weitgehend ähnlichen Typen als Einfamilien- bzw. Ferienhaus mit Walmdach und sogenanntem „Estorffknick“ gebaut. Dass es sich hier nicht um ein Einfamilien- sondern um ein Doppelhaus handelt, erkennt man erst auf den zweiten Blick.

Doppelhaus mit Zwillingsbruder
Durch die Terrassentür direkt in den Garten, die Eichen sind über einhundert Jahre alt. (2016)
Durch die Terrassentür direkt in den Garten, die Eichen sind über einhundert Jahre alt. (2016)

Als weitere Besonderheit besitzt das Haus einen Zwillingsbruder am Wasserwerk 4/6. Die Zwillinge wurden als erste Häuser der Siedlung 1933 gebaut. Ein Jahr zuvor wurde in Potsdam „Unter den Eichen“ eine Selbsthilfesiedlung für 118 arbeitslose Handwerker und deren Familien von der städtischen Bauverwaltung unter der Leitung von Stadtbaurat Dr. Ing. Fritsch und dem Stadtarchitekten Reinhold Mohr gebaut. Auch hier sind giebelgeteilte Doppelhäuser in einem schlichten Schwarzwaldhausstil entstanden. In Wildpark-West bestanden zur Siedlungsgründung 1933 neue Bestimmungen zum Wohnungsbau; den Erwerbslosen sollte der Lebensunterhalt erleichtert werden, indem geeignetes Land in passender Lage zu angemessenen Preisen zur Verfügung gestellt wurde. Um eine eventuelle Enteignung durch den Reichskommissar zu verhindern, wurden diese beiden Häuser geplant. Möglicherweise orientierte man sich daher mit dem Entwurf der beiden Häuser an der Erwerbslosensiedlung Potsdam.

Eingangsbereich mit Solnhofner Platten und gerader Holztreppe. Die Räume wirken einladend und großzügig. (2016)
Eingangsbereich mit Solnhofner Platten und gerader Holztreppe. Die Räume wirken einladend und großzügig. (2016)

Die Doppelhäuser liegen weit von der Straße zurück versetzt und fügen sich damit in die vorgegebene Bauflucht ein. Sie gliedern sich in einen circa 14 Meter breit gezogenen und circa acht Meter langen Hauptkörper mit Erd- und Dachgeschoss und einen im hinteren Grundstücksbereich angeschlossenen eingeschossigen Anbau mit circa 3,5 Meter x 8 Meter, beide mit Satteldach, Teilunterkellerung sowie Spitzboden. Die Häuser wurden, anders als es heutzutage üblich ist, im Giebel geteilt, was unter anderem zu der breiten Front führte, aber auch eine größere Privatsphäre gegenüber dem Doppelhausnachbarn bietet. Sitzt man auf der vor dem hinteren Anbau gelegenen Terrasse, wird sogar der Eindruck erweckt, man lebe im Einfamilienhaus. Von hier aus blickt man sozusagen Rücken an Rücken in die dem Nachbarn entgegengesetzte Richtung in den Garten und nicht wie bei modernen Doppelhäusern parallel bzw. nebeneinander. Zudem liegt die Terrasse durch den zurück verspringenden Anbau geschützt zur Straße. Am Fuchsweg steht das Haus mit einem Giebel nach Süden hin ausgerichtet, so dass sich die Terrassen nach Ost bzw. West orientieren.

26 qm Großzügigkeit, viel Licht und direkter Zugang zum Garten (2016)
26 qm Großzügigkeit, viel Licht und direkter Zugang zum Garten (2016)

Der Zwillingsbruder am Wasserwerk schaut dagegen mit einem Giebel nach Westen. Die Terrassen sind hier nach Nordosten bzw. Südwesten ausgerichtet.

Aufnahme der Familie Jäger vor dem Eingangsbereich ihres Hauses, Ansicht von Südosten: Am Wasserwerk 6 (1941)
Aufnahme der Familie Jäger vor dem Eingangsbereich ihres Hauses, Ansicht von Südosten: Am Wasserwerk 6 (1941)

Wegen der differenzierten Anordnung der Fenster, orientieren sich die Räume der nördlichen Hälfte nach Ost und West, die andere Hälfte des Hauses richtet sich nach Südwesten aus.

Der Eingang befindet sich in einem eingeschossigen Anbau, den man über die Terrasse betritt. Heutzutage ist dies eher unüblich. Eventuell ist das dem Umstand geschuldet, dass ursprünglich gar keine Terrasse vorgesehen war. Dies ist aber nicht belegbar. Die Terrassen am Wasserwerk wurden erst zu DDR-Zeiten ergänzt, am Fuchsweg erfolgte später ein Überbau durch Wintergärten.

Am Wasserwerk 6/8, Obergeschoss: Die Schlafräume und das Bad unterhalb des Spitzbodens erreicht man über die gerade bzw. gewendelte Holztreppe.
Am Wasserwerk 6/8, Obergeschoss:
Die Schlafräume und das Bad unterhalb des Spitzbodens erreicht man über die gerade bzw. gewendelte Holztreppe.

Die auf einem verklinkerten Sockel sitzenden Häuser mit einer Wohnfläche von circa 100 Quadratmetern weisen im Erdgeschoss Raumhöhen um 2,70 Meter auf. Dies erweckt im Gegensatz zu den Häusern in Potsdam den Eindruck einer gewissen Großzügigkeit, da dort teilweise der Sockel fehlt und niedriger gebaut wurde.

Am Wasserwerk 6/8, Erdgeschoss: 57qm Nutzfläche, Diele und Terrasse.
Am Wasserwerk 6/8, Erdgeschoss: 57qm Nutzfläche, Diele und Terrasse.
Bessere Ausstattung als üblich

Marianna von Klinski-Wetzel erwähnt in ihrem Wildpark-Buch, dass die beiden Häuser eher eine Alibi-Funktion hatten, da auch deren Ausstattung erheblich besser war, als die der anderen Baugebiete.

Im Winter mit Blick zur Havel
Ein Lageplan der Häuser im Ort
Ein Lageplan der Häuser im Ort

Betritt man das Haus Am Wasserwerk 6, befindet sich rechter Hand neben dem kleinen Gäste-WC die circa 15 Quadratmeter große Küche, von der früher ein Vorratsraum abgetrennt war. Geht man nun in den zweigeschossigen Wohnbereich, gelangt man über die Diele mit ihren Solnhofner Platten zu den beiden Wohnzimmern, die mit Eichenparkett bzw. Dielen aus Kiefernholz ausgestattet sind. Aus dem größeren von beiden mit seinen 26 Quadratmetern, schaut man nach Westen über das dreiflüglige Fensterband in den Vorgarten. Über einen wieder geöffneten Durchgang werden großes und kleines Wohnzimmer miteinander verbunden und lassen das 14 Quadratmeter kleine Zimmer offener wirken. Über die gerade, relativ steile Holztreppe erreicht man das Dachgeschoss mit seinen beiden ebenfalls circa 14 Quadratmetern großen Schlafzimmern sowie das kleine Bad auf der Westseite. Von hier aus kann man im Winter, wenn die Bäume unbelaubt sind, zwischen den Nachbarhäusern einen Blick zur Havel erhaschen.

Regierungsbaumeister a.D. Curt Gorgas zeichnete für die Ausführung der Bauarbeiten eines der ersten Häuser in Wildpark-West verantwortlich. Die Arbeiten am Haus in der Eichenallee (dem heutigen Fuchsweg) Nr. 26/28 wurden von ihm geleitet und nach den Plänen der Architekten von Estorff und Winkler umgesetzt. Gorgas wurde 1934 in den Aufsichtsrat der Märkischen Wochenend-GmbH berufen, deren Ziel darin bestand „den Wochenend-Interessenten den Ankauf von Haus und Grundstück gegen mäßige Anzahlung und Abtragung der Restkaufsumme in kleinen Raten zu ermöglichen“. Der Preis für eine Doppelhaushälfte betrug 1934 rund 15.000 Goldmark, gemessen am damaligen Durchschnitteinkommen würde dies in der heutigen Zeit circa 350.000 Euro entsprechen.
Quelle: IHK Berlin, vom 18. März 1927 sowie Zeitschrift „Bauwelt“ 41/1933

Weiterführende Literatur

„Die Siedlung Wildpark-West, Konservative und Moderne im Siedlungsbau der 20er und 30er Jahre in Berlin“ 1. und 2. Teil. Von Dana Hess. Freie wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Grades eines Magister Artium am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin am Kunsthistorischen Institut, Berlin 2007.

„Wildpark-West a.d. Havel, Die Geschichte der Wiese Gallin“
Marianna von Klinski-Wetzel
Sonderedition 2018, autorisierter Reprint der 2. Auflage
In unserem Shop erhältlich!

Madlen Strümpfler
Madlen Strümpfler

Autorin Madlen Strümpfler wurde 1981 in Rodewisch (Vogtland) geboren. Sie ist Dipl.-Ing. für Architektur, verheiratet und hat ein Kind. Zusammen mit ihrer Familie lebt sie seit 2016 in Wildpark-West.

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